[...] Das »Hohelied Salomonis« von Leonhard Lechner überzeugte durch außergewöhnlich lebendiges wie durchsichtiges Musizieren. Der Chor sang intonationssicher und homogen. Sehr gute Deklamation und hervorragende Sprachbehandlung blieben stets Garant für eine angemessene musikalische Ausdeutung der biblischen Textvorlage. [...]
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Drei Chöre gestalteten das Programm zum Sonntagskonzert am 15. Mai, alle auf einem beachtlichen Niveau. Den vorwiegend jungen ChorsängerInnen war die sehr gute Vorarbeit einer intensiven Stimmbildung anzumerken. Das vielschichtige Programm wirkte dramaturgisch schlüssig und wie aus einem Guß. Hier wurde ein gemeinsames Konzert gestaltet.
Im ersten Teil waren zwei Kammerchöre zu hören, die ihren Focus auf Werke der Spät-Renaissance gelegt hatten. Der Kammerchor TONIKUM trat mit 18 SängerInnen auf. Wirkte das Dirigat von Kerstin Behnke zunächst etwas groß für dieses Ensemble, beeindruckte sie doch sehr bald durch ihren Gestaltungswillen. Das »Hohelied Salomonis« von Leonhard Lechner überzeugte durch außergewöhnlich lebendiges wie durchsichtiges Musizieren. Der Chor sang intonationssicher und homogen. Sehr gute Deklamation und hervorragende Sprachbehandlung blieben stets Garant für eine angemessene musikalische Ausdeutung der biblischen Textvorlage.
In der folgenden Johannes-Passion Lechners zeigte der Chor sein Geschick, die Dramatik der Komposition im Detail zu differenzieren. An dieser Stelle hätte man die Frage stellen können: »Wozu dienet dieser Unrat«, in der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt die Paßionsgeschichte aufzuwärmen? Die Loslösung der Komposition von ihrem eigentlichen Anlaß lenkte den Blick auf die Musik selbst und ihre Werkstatt. Sind wir heute eher mit der oratorischen Passion vertraut, mit ihrem Wechsel von solistischen und chorischen Einsätzen, so wirkt die Form der motettischen, durchkomponierten Figural-Passion für manchen Zuhörer vielleicht befremdend. Die Befreiung aus liturgischen Anlässen gibt uns die Möglichkeit, die musikalische Sprache selbst ins Zentrum der Betrachtung zu rücken.[...]
Thomas Henning, Berliner Chorspiegel 9/2011